
Mit dem anstehenden Bürgerentscheid tritt in Haan ein zentrales demokratisches Instrument in Kraft. Am Sonntag, 25. Januar 2026, sind die wahlberechtigten Haanerinnen und Haaner aufgerufen zu entscheiden, ob der seit Jahren geplante und vom Rat mehrheitlich beschlossene Rathausneubau weiterverfolgt werden soll, oder ob der Ratsbeschluss dazu vom 17. Dezember 2024 aufgehoben wird. Sollte letzteres geschehen, müsste das gesamte Projekt neu aufgerollt werden.
Diskussionen um das Vorhaben werden seit Monaten intensiv geführt, sowohl von der Initiative „Stopp des Mega-Schuldenprojektes Rathausneubau Haan“ als auch von den politischen Gremien. In einem Punkt herrscht dabei weitgehend Einigkeit: Haan braucht ein neues Rathaus. Ebenso unstrittig ist, dass die städtischen Mitarbeitenden, die derzeit auf insgesamt acht Standorte im Stadtgebiet verteilt arbeiten, zeitgemäße Arbeitsplätze benötigen.
Gerade diese beiden Punkte sieht Jörg Dürr (SPD), Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung und Planung, durch ein mögliches „Aus“ des aktuellen Projekts massiv gefährdet. Denn sollte der Neubau neu geplant werden müssen, könne es nach seiner Einschätzung rund acht bis zehn Jahre dauern, bis ein neues Rathaus tatsächlich bezugsfertig wäre. Für die Beschäftigten sei das eine kaum zumutbare Perspektive.
Arbeitsbedingungen zum Teil „fürchterlich“
Die derzeitigen Arbeitsverhältnisse beschreibt Jörg Dürr drastisch. Neben fehlender Barrierefreiheit gebe es erhebliche bauliche und technische Mängel – von undichten Fenstern über Schimmelbefall bis hin zu unzureichender IT-Infrastruktur. Betroffen seien unter anderem das historische Rathaus an der Kaiserstraße, das Verwaltungsgebäude an der Alleestraße sowie das ehemalige Gebäude der Volkshochschule an der Dieker Straße.
„Aus Sicht der Verwaltung brauchen wir das neue Rathaus dringend,“ betont Dürr. „Es ist wichtig, dass die Mitarbeitenden ordentliche Arbeitsplätze kriegen“, sagt er auch mit Blick auf arbeitsrechtliche Anforderungen, die im jetzigen Zustand aus seiner Sicht „grenzwertig“ erfüllt seien. Die aktuelle Situation sei zudem ein Standortnachteil bei der Gewinnung neuer Fachkräfte: „Ich hätte mich da nicht beworben“, räumt Dürr ehrlich ein und verweist auf den Wettbewerb mit anderen Kommunen. „Haan ist eine kleine Kommune was die Mitarbeiter angeht, und steht damit am Ende der Nahrungskette im Stellenvergleich.“
Der geplante Neubau sei deshalb nicht nur funktional, sondern auch strategisch wichtig. Er berücksichtige modernste Standards etwa bei Barrierefreiheit, Cybersicherheit und auch was das Thema Fluchtwege angeht. Alles Aspekte, die in den Bestandsgebäuden aktuell nicht oder nur unzureichend vorhanden seien.
„Keine Alternativen ohne höhere Kosten“
Sollte das Bürgerbegehren Erfolg haben und die bisherigen Planungen gestoppt werden, stellen sich grundlegende Fragen: Wo könnte überhaupt gebaut werden? Wie teuer wäre die Verzögerung? Und wann wäre dann realistisch mit einem neuen Rathaus zu rechnen?
Die Antworten des Ausschussvorsitzenden dazu klingen wenig optimistisch. Schon bei der Standortfrage zeigt sich Jörg Dürr skeptisch: „Es gibt keine Grundstücke. Die jetzigen gehören uns. Und das Krankenhaus und die Landesfinanzschule stehen gar nicht zur Verfügung.“ Ein Neubau im Technologiepark würde nach seiner Einschätzung nicht nur am Bedarf vorbeigehen, sondern auch wertvolle Gewerbeflächen und damit auch Gewerbesteuereinnahmen blockieren. An der Dieker Straße 49/Ecke Feldstraße sei hingegen Wohnungsbau vorgesehen: „Hier soll eine Klimaschutzsiedlung mit bezahlbaren Wohnraum entstehen“, so Dürr.
Auch die oft ins Spiel gebrachte Sanierung der bestehenden Gebäude sei keine günstige Alternative, wie auch die Haaner Stadtverwaltung auf ihrer Seite beziffert: Dort steht der Neubau mit veranschlagten 56 Millionen Euro der Weiterführung der Bestandsbauten mit 74 Millionen Euro gegenüber. Auch die Lebensdauer spreche laut Jörg Dürr für den Neubau: Gutachten gingen von etwa 50 Jahren bei sanierten Bestandsgebäuden aus, während Neubauten auf rund 80 Jahre ausgelegt seien.
„Teurer Stillstand“
Zudem sei eine Neuplanung kurzfristig rechtlich gar nicht möglich: In den nächsten zwei Jahren lasse die Gemeindeordnung dies nicht zu. Das Ergebnis wäre aus Sicht von Jörg Dürr ein kostspieliger Stillstand ohne jede Verbesserung für Mitarbeitende und Bürgerschaft.
Allein für die Ertüchtigung der Kaiserstraße verweist Dürr auf die veranschlagten Kosten von acht Millionen Euro, für die Alleestraße auf zehn Millionen und für die Dieker Straße auf sechs Millionen Euro – insgesamt 24 Millionen Euro. Hinzu kämen neue Planungskosten von rund acht Millionen Euro. Bereits jetzt seien 3,8 Millionen Euro in die bisherigen Planungen geflossen. Geld, das bei einem Neustart verloren wäre.
Erschwerend komme die allgemeine Baukostensteigerung von jährlich drei bis vier Prozent hinzu. Bei einer Verzögerung von zehn Jahren könnten allein dadurch laut Gutachten Mehrkosten von rund 20 Millionen Euro entstehen. Containerlösungen für Zwischenunterbringungen oder weiterlaufende Mietkosten für einige der aktuell acht Verwaltungsstandorte seien dabei noch nicht eingerechnet. Auch die mit dem Neubau verbundenen Energieeinsparungen würden solange entfallen. Der sprichwörtliche Rattenschwanz an Kosten ist lang und damit dann immer noch kein Neubau in Reichweite.
„Kritik an verkürzter Debatte“
Dürr kritisiert schließlich: In der öffentlichen Debatte kommen viele Argumente zu kurz. Insbesondere verweist er auf eine Aussage der damaligen Kämmerin Doris Abel im Zusammenhang mit dem Ratsbeschluss im Dezember 2024, die seiner Ansicht nach häufig nur unvollständig zitiert werde. Ein zentraler Satz fehle dabei oft: Denn die Kämmerin kam in ihren Ausführungen zu dem Schluss, dass trotz der hohen Kosten die Maßnahme gleichzeitig aber auch einen wichtigen Baustein im Rahmen der Haushaltskonsolidierung darstelle, „da die Wirtschaftlichkeitsuntersuchung hier zu einem positiven Ergebnis zu Gunsten der Neubaulösung gekommen ist.“
Der Bürgerentscheid wird zweifelsohne zu einer Richtungsentscheidung: zwischen dem Festhalten an einem weit fortgeschrittenen Projekt oder einem Neustart mit ungewissem Ausgang.
Bericht/Foto: Bettina Lyko, Planungsansicht neues Rathaus: Planungsbüro stm°architekten
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